Wir sind (anonyme) Helden. Mein Tag als Wahlbeobachter am 16. 11. 2014

Den Titel meines Erlebnisberichts habe ich dem Artikel von Hotnews.ro über die freiwilligen Wahlbeobachter bei der diesjährigen Präsidentschaftswahl entnommen: Originaltitel: “Eroii anonimi ai alegerilor in tara: observatorii independenti“.

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16. 11. 2014; 04.15h: Munter und voller Tatendrang aufgewacht – trotz 2,5h Stunden Schlaf nach einem längeren Recherchetag im Szeklerland in Sachen Holzmafia…

05.00h: Abfahrt nach Meschen bei Mediasch, Kreis Hermannstadt. Bin spät dran. Um 5.45 soll ich dort sein, weil um 06.00 die Wahlkommission vollzählig anwesend sein muß um das Wahllokal in Empfang zu nehmen und die Wahl vorzubereiten. Rase in einem Heidentempo über die leere, kürzlich erst runderneuerte Landstraße. Mit 80 km/h durch die Dörfer…

05.40h: Ankunft vor der Schule in Meschen (Mosna) . Durchschnittstempo wahrscheinlich 90 km/h. Bin der erste vor Ort. Keine Seele weit und breit bis 05.55h. Wird in Meschen denn heute nicht gewählt???

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Schule mit Wahllokalen Nr. 301 und 302 in Meschen (Mosna) bei Mediasch (Medias), Kreis Hermannstadt (Sibiu); 16. 11. 2014 gegen 05.50h.

05.55h: Plötzlich sind sie fast alle gleichzeitig und pünktlichst da: die Vorsitzenden der Wahlkommissionen, Beobachter seitens der Parteien, sober dreinblickende, wortkarge Polizisten, die sche8inbar ind er Shcule übernachtet haben, wo sie die am Vorabend angelieferten Wahlzettel, Stempel und sonstige Accessoires bewacht haben. Es tauchen auch zwei weitere unabhängige Beobachter aus Hermannstadt auf (vom Verein Pro Democratia).

06.00h: Die Schule wird aufgeschlossen, wir dürfen rein. In zwei Klassenräumen sind gleich zwei Wahllokale (sectii de votare) eingerichtet worden (Nr. 301 und 302). Ich werde 302 zugewiesen. Im Klassenraum befinden sich eine würfelförmige Urne aus Spanpressplatte sowie eine transportierbare Miniurne aus dünneren OSB-Platten. Beide sind mit abgestempelten Papierstreifen versiegelt. Die Fenster des Wahlraumes sind ebenfalls versiegelt.

Viele der Wahlaccessoires wirken billig und improvisiert. Sind sie Ausdruck der lustlos gelebten Demokratie in Rumänien? In jedem Wahllokal hängt eine rumänische Trikolore (wozu? Die transportiert ebenfalls implizite Wahlbotschaften. Müßte man eigentlich aus Wahllokalen draußen halten, denn wissen tun wir auch ohne die überall auf öffenltichen Einrichtungen obligatorisch und redundant aufgepflanzten Fahnen, daß wir in Rumänien leben…)

06.05h: Die Vorsitzende der Wahlkommission hat meine Akkreditierung in Empfang genommen (diese hatte ein Bürgerrechtsverein aus dem fernen Constanta (geleitet von Cosmin Barsan) für mich und landesweit insgesamt 700 weitere Freiwillige beschafft. Voraussetzung für die Akkreditierung war es, im Besitz des Wahlrechts zu sein (Volljährigkeit, keine Einschränkung der bürgerlichen Rechte durch strafrechtliche Verurteilung) und die parteipolitische Neutralität.

06.39h: Die Wahlkommission (biroul electoral al sectiei de votare), bestehend aus 7 Parteienvertretern und 2 Personen als Vorsitzende un stellvertretenden Vorsitzenden hat sich eingerichtet. Sie hantiert routiniert und ernsthaft mit Urnen, Stempeln, auszufüllenden Formularen. Manche Mitglieder sind seit den frühen 90er Jahren dabei. die Stimmung ist angenehm und gelöst. Ein älterer Herr seitens der PMP (Partidul Miscarea Populara angeführt von der Politdiva und Basescu-Courtisane Elena Udrea) frotzelt mit den jüngeren Damen von konkurrierender Parteien, versucht sich mit Altherrenwitzchen zu profilieren. Die Zielpersonen blicken aber nur müde und gelangweilt durch ihn hindurch.

07.00h: Es geht los. Das Wahllokal öffnet seine Türen. Erste Wähler kommen; ein Bauer, der nach Kuhstall riecht. Diese hart arbeitenden und einfach lebenden oft abgehärmt und lebensfrustriert wirkenden kleinen Landwirte ernähren uns.  Sie sind die ‘talpa tarii’, wie die Rumänen treffend sagen – die Fußsohle des Landes. Ganz unten – aber auf ihnen steht (oder stand früher) das Land. Heute sind sie oft Zielscheibe grober, entwürdigender Manipulation seitens windig-diebischer Bürgermeister, die sie parteipolitisch zu instrumentalisieren versuchen.

Als ich mich vor einer Woche als beobachter registrieren ließ, wußte ich nicht, woraus meine Aufgabe bestehen wird. Stellte mir eher etwas Langweilig-Statisches darunter vor. D.h.: Im Wahlbüro hocken, den Wählern und den Organisatoren auf die Finger schauen und zwangsweise Smalltalk betreiben, damit die Zeit vergeht. zum Glück war dem aber gar nicht so! Hatte im Vorfeld eine ganze Reihe Unterlagen bekommen (einen Wegweiser mit allem Wissenswerten, Vordrucke in die ich meine Beobachtungen/Feststellungen und von der Kommission abzufragende Daten eintragen muß, Beschwerdevordrucke, falls wir Unregelmäßigkeiten feststellen und dem Vorsitzenden der Kommission melden wollen. (Später sollte ich drei mal davon Gebrauch machen, jedoch nicht in Meschen…)

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Modell eines Wahlzettels beim zweiten Wahldurchgang der Präsidentschaftswahlen. In jedem Wahllokal muß ein solches Modell aushängen, zusammen mit anderen wahlrelevanten Informatonsmaterialien.

Alles verläuft ruhig und locker. Die Wähler sind noch rar. Nur im benachbarten Wahllokal haben die Kollegen von Pro Democratia eine Beanstandung: Durch das Fenster des Wahlbüros sieht man auf der Dorfstraße ein Werbebanner eines der Kandidaten. Auf Bitten des Wahlbeobachters ziehen die jemand aus dem Wahlbüro die Jalousie teilweise zu, damit man das Plakat nicht sieht.Später wird die Jalousie aber wieder geöffnet, weil es sonst zu dunkel ist im Raum.

Gegen 9 Uhr kommt Elena aus Karlsburg (Alba Iulia) an. Sie ist ebenfalls als Wahlbeobachter akkreditiert. Zusammen werden wir weitere Wahllokale in der Umgebung inspizieren. In Niemesch (Nemsa; gehört ebenfalls zu Meschen) geht es etwas bescheidener zu. Das Wahllokal ist sehr klein, aber die Zahl der Wähler ist es auch. Mediasch: Wir fahren in die Wohnblockviertel, hoffen dort auf etwas mehr ‘action’. Wir landen jedoch jenseits der Kokel, wo eher ältere Menschen wohnen. Die kommen gegen 10 Uhr in Schüben an – machen Zwischenstation auf dem Weg zur Kirche. In Sonntagskleidung und mit blitzblanken Schuhen, gekämmt, frisiert, die Damen diskret geschminkt. Die Wahl in einem Kindergartengebäude geht schnell und flüssig von Statten. Keine besonderen Vorkommnisse. Nach dem Kirchgang wird die zweite Seniorenwelle ankommen.

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Eingang zum Wahllokal in Niemesch (Nemsa) bei Meschen

Nicht anders im ehemaligen Arbeiterviertel ‘Vitro(metan)’, am Ortsende Richtung Hermannstadt. Hier wohnen die Jüngeren. Familien mit Kindern, Jugendliche. Gewählt wird dort in mehreren Wahllokalen in einem größeren Schulgebäude. Es ist gegen 11 Uhr. Setze mich in 2 der Wahllokale. Die Vorsitzenden erteilen freundlich die gewünschten Auskünfte: Zahl der in der “ständigen Wahlliste” (lista permanenta) eingetragenen Wahlberechtigten, Zahl der bisher abgegebenen Stimmen, Zahl der Wähler, die auf Zusatzlisten abgestimmt haben (z.B. Personen auf Durchreise – oder die berüchtigten “Wahltouristen” die v.a. in den südlichen Landesteilen mit Bussen über Land gekarrt werden, wo sie in mehreren Lokalen abstimmen). Freundliche und gelöste Stimmung auch hier. Ein Ehepaar um die 50 kommt an – scheinbar Auslandsrumänen, oder auch Sachsen? – sagt, sie haben sich nach über 20 Jahren zum ersten Mal wieder entschlossen zu wählen.

Was mir von aller Anfang an aufgefallen ist und was mich auch berührt hat, ist der heilige Ernst, mit dem “das Volk” zu den Urnen kommt, um für circa 60 oder 120 Sekunden, wie lange das Wahlprozedere dauert (ganz Schnelle haben Rekorde von 14 Sekunden aufgestellt), wieder einmal Bürger sein zu dürfen – im Bewußtsein, daß sie es anschließend für die nächsten 1-2-3-4-5 Jahre, je nach Rythmus der anstehenden Lokal-, EU- oder Landeswahlen, nicht mehr sein ‘dürfen’, stattdessen aber wieder auf die Nichtsnutze schimpfen werden, die sie einmal mehr – in Ermangelung von Alternativen – abgestempelt haben. Irgendwo ist der Wurm drin im demokratischen Gefüge des Landes.

Weiter geht’s nach Pretei (Brateiu), bekannt für seine große Zigeunersiedlung am Ortsrand. Ich vermute, daß es hier etwas kribbliger wird. Die Chefin des Wahlbüros schaut skeptisch, als wir uns vorstellen. Eingehend studiert sie unser Akkreditierungsschreiben und unsre Personalausweise. sie scheint uns als Eidnringlinge in “ihrem” Revier zu empfinden.
Als Elena sie drum bittet, die Kopie der ständigen Wahlliste einsehen zu dürfen, verweigert ihr die Dame das. Ein gereizter verbaler Hickhack beginnt. zum Glück kommen Wähler an, so daß es nicht zur Eskalation kommen kann. Später sollte ich Berichte von Kollegen in Südrumänien lesen, die allein wegen ihrer Anwesenheit von Mitgliedern der Wahlbüros wiederholt angepöbelt und in einem Fall sogar vom Bürgermeister tätlich angegriffen wurden. Sie störten offenischtlich den geplanten oder bereits angelaufenen Stimmenkauf und Wahltourismus.

Manche Roma-Wähler in Pretei stellen sich beim Wählen unbedarft an, gehen zu zweit in die Wahlkabine, falten den Wahlzettel vor dem Einwerfen in die Urne nicht, so daß jeder sehen kann, was sie gewählt haben. Ich sehe in dem Moment weg. Empfinde es wie eine Verletzung der Intimspäre jener Menschen, ihre Wahlentscheidung zu sehen. Es ist, als stünden sie plötzlich nackt vor einem. Weil die Urne in Pretai aus mattem Plexiglas besteht, sehe ich zufällig einen offenen Wahlzettel und den Stempel drauf.

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In Rumänien wird der Wahlzettel gestempelt und nicht angekreuzt. Nach der Wahl wird in den Personalausweis ein kleienr Aufkleber als Nachweis der Wahl aufgeklebt (der sich jedoch ziemlich leicht lösen läßt…) Foto >>>

Weiter geht’s über Almen (Alma) auf dem rechten Kokelufer ins abgelegene Gogeschdorf. Wir amüsieren uns dabei über den klangvollen rumänischen Namen “Giacas”. Dank Asphaltstraße wirkt der winzige Ort nicht isoliert, nur etwas ab vom Schuß. Die Mitglieder des Wahlbüros sind äußerst freundlich, bieten und Essen und Getränke an. Elena wählt hier. Sie ist Vollblutaktivistin wie ich und wie die allermeisten Vollblutaktivisten und Teilzeitrevoluzzer überzeugt, daß keiner der beiden Kandidaten ihrer Stimme würdig ist., Rumänien baucht etwas von Grund auf Neues; Leute die das Morgen und Übermorgen in Blick haben, und nicht das gestern (wie Ponta) oder  das Heute (wie Johannis).
Sie stempelt entsprechend beide Kandidaten ab und produziert einen Lacher bei den Wahlorganisatoren, denen sie den Wahlzettel zeigt und fragt, ob der Wahlzettel auch wirklich ungültig ist. Draußen vor dem Lokal bereiten der Dorfpolizist und 3 weitere Herren schon den Grill für einen ‘gratar’ vor. Wir werden eingeladen zu bleiben, müssen aber weiter nach Elisabethstadt.

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Entspannt in Gogeschdorf…

In Elisabethstadt (Dumbraveni) essen wir nur etwas (Gutes) und fahren nach Birthälm (Biertan) weiter. es dürfte gegen 13 Uhr sein. Dort ist die Stimmung im Wahlbüro und in der Ortsmitte schon sichtbar gereizt. Im PSD-Büro keine 20 Meter vom Wahllokal entfernt wimmelt es wie im Ameisenhaufen. Leute ärmlichen Aussehens gehen ein und aus. Ich sehe selbst, wie ein Mann aus dem Parteibüro herauskommt und schnurstracks ins Wahllokal zur Stimmabgabe hinüberspaziert.

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…Anspannung in Birthälm. Im Bildhintergrund das Parteibüro der PSD; links vom Auto (außerhalb des Bildes) das Wahlbüro

Ich melde umgehend diesen ‘Vorfall’ mit einer Eingabe bei der Vorsitzenden des Wahlbüros. Ein PSD-Mitglied im Wahlbüro, deren Partei auf der anderen Straßenseite allem Anschein nach Wahlkampf oder gleich Stimmenkauf betreibt, reagiert sehr gereizt auf meine Beschwerde, vermutet, ich würde damit nur den Gegenkandidaten unterstützen wollen. Ich höre mir ihre Beschwerden über den angeblichen Wahltourimus der Johannis-Wähler interessiert an und finde das auch skandalös, wenn es sich bestätigen sollte. Bis spät abends sollte es in Birthälm so weitergehen…

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Beschwerde wegen wahlkampfähnlicher Betätigung am Wahltag in unmittelbarer Nähe des Wahllokals

Waldhütten (Valchid): In der Ortsmitte neben der urigen, teilweise renovierten Kirchenburg stehen die anderen Schlüsselinstitutionen des Dorfes: Die Kneipe und die Dorfschule. 100 Meter davon stand einst das imposante evangelische Pfarrhaus, das jedoch illegalerweise abgerissen worden war. Im Schulgebüde das Wahllokal. IM Wahllokal wohlige Wärme aus einem schlichten gußeisernen Holzofen. Die Wärme hat auch den Dorfpolizisten angelockt. Der Bürgermeister kommt ebenfalls, um nach dem Rechten zu schauen. Schüttelt Hände, gibt sich jovial.

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Wahllokal in Waldhütten, kurz vorm Dunkelwerden: Gern besucht vom Bürgermeister und Dorfpolizisten.

Aber Moment! Dürfen sich Staatsangestellte überhaupt dort aufhalten? Hmmm… Schnell im Wegweiser nachgeblättert und fündig geworden: Laut Art. 43, Absatz 10 Präsidentenwahlgesetz nr. 370/2004 dürfen NUR Mitglieder des Wahlbüros dort answesend sein. Alle anderen Personen – so auch Staatsbedienstete jedweder Art – müssen nach dem Wahlvorgang die Örtlichkeit umgehend verlassen. Beschwerdeformular gezückt, den Regelverstoß vermerkt, den gesetzesparagraphen laut vorgelesen und beim Vorsitzenden abgegeben. Der murmelt nur verdattert irgendeinen harmosen Unsinn. Der Rest des Wahlbüros blickt wortlos drein. Dankeschön, aufwiedersehen!

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Absatz 10 Art. 43 Gesetz Nr. 370/2004 untersagt die unbegründete Anwesenheit der Bürger im Wahllokal nach der Stimmabgabe

Halwelagen (Hoghilag): Im historischen Rathaus ist gerade Hochbetrieb. Es ist dunkel geworden. Ungefähr 18 Uhr. Es tauchen v.a. jüngere Wähler auf; junge Romapaare mit Kindern. Der Chef der Wahlkommission – ein bleicher Typ, der an einen kommunistischen Schuldirektor erinnert, sagt zu mir, viele dieser Wähler würden von aderen Personen zur Wahl “geschickt”, d.h., in deren Auftrag wählen.

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Gegen 18.30h in Halwelagen. Blick von außen ins Innere des Wahllokals.

Elisabethstadt: In den zwei von uns besuchten Wahllokalen geht es gediegen und problemfrei zu. Zwei junge Mädels wählen (wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben). Eine Freundesclique kommt an, wählt, fährt wieder davon. Es ist ungefähr 19 Uhr. Im zweiten Wahllokal “erwische” ich den Dorfpolizisten ebenfalls im Wahllokal. Beschwerde geschrieben, der Wahlkommission den Gesetzesparagraphen vorgelesen, Beschwerde abgegeben. Aufwiedersehen, schönen Abend noch! Der Sinn dieser Beschwerden ist der, daß sie nach der Wahl dem Kreiswahlbüro (birou electoral judetean – BEJ) gemeldet werden müssen. Das dürfte den Leitern der Wahlbüros nicht gerade angenehm sein und bei der nächsten Wahl nehmen sie ihre Pflichten wahrscheinlich ernster.

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Auf dem Flur eines historischen Schulgebäudes in Elisabethstadt. Das Wahllokal befand sich hinten links, in einem kleinen Turnsaal. Der Ortspolizist fühlte sich scheinbar ganz wohl dort; die Wahlkommission störte sich nicht an seiner Anwesenheit..

RÜCKBLICK: Bei den Lokalwahlen 2008 geschah in Schäßburg (Sighisoara) einer der größten und abstoßendsten Wahlskandale Rumäniens, der aber nicht in die Massenmedien durchdringen konnte, weil unser hochkorrupter Bürgermeister einen genauso korrupten Deal mit der Journalistin des TV-Senders geschlossen hatte, der den Fall dokumentiert hatte. So wurde alles unter den Teppich gekehrt. Nach dem ersten Wahlgang fehlten nämlich dem Bürgermeister gerade einmal 10 oder 20 Stimmen für die 50% + 1 Stimme. Um einen zweiten Wahlgang zu vermeiden, ließ er durch einen zur liberalen Partei gewendeten exkommunistischen Apparatschik die bereits ausgezählten Stimmen nochmal illegalerweise auszählen und Stimmen des Gegenkandidaten aussortieren. Als ein anderes Mitglied des Wahlbüros dieses entdeckte, bot man ihm nicht weniger als 100.000 Euro Schweigegeld an. Weil er das verweigerte, kam es fast zu einer Schlägerei im Rathaus.

Von Elisabethstadt ging es nochmal rüber nach Birthälm. Dort wimmelt es gegenüber des Wahllokals von Jugendlichen. Eigentlich darf man sich in einem Umkries von 500 Metern vom Wahllokal am Wahltag nicht aufhalten. Der junge Polizist mahnt die Dorfjugendlichen zaghaft, doch bitte wegzugehen. Die hören ihm gar nicht zu. Wir melden das der Chefin des Wahlbüros, filmen sie anschließend, die sie mit den Jugendlichen schimpft und zu verscheuchen versucht.

Reichesdorf (Richis): Die dortige Chefin des Wahlbüros schaut mißmutig, als wir gegen acht Uhr abends auftauchen und die zwei schon anwesenden unabhängigen Beobachter dadurch auch moralisch unterstützen. Unweit vom Wahllokal steht ebenfalls viel Wahlvolk ungestört auf der Straße herum. Ein Kleinbus wartet in der Nähe. Es sieht nach Wahltourismus aus. handfeste Beweise erkennen wir aber keine. Die Wahlbürotante versucht es mit uns auf die bürokratische Art und beginnt unnötig herumzutelefonieren, um unsere Akkreditierung angeblich zu prüfen. Weil es bereits eine Stunde vor Schließung der Wahllokale ist, füllen wir unser Beobachtungsformular und fahren wir zügig weiter nach Almen (Alma Vii).

In Almen, vor genau einem Jahr fand dort am 16. 11. 2013 der große Antifracking-Protest statt. Der PSD-Bürgermeister aus Meschen hatte einer Gasprospektionsfirma freie Hand gelassen, auf den Grundstücken und Äckern der Bauern in Neschen und Lamen ihre illegalen Messungen nach Belieben durchzuführen, worauf es zu einer Revolte von Ortsbewohnern und auswärtigen Protestierern kam.
Dieses Jahr, kurz vor der Wahl, rief der Bürgermeister die Dorfbewohner wie zu erwarten mit hohlen und zynischen Sprüchen auf, Victor Ponta zu wählen. Schon deshalb war bei mir Almen auf der Liste der zu beobachtenden Wahllokale.

Am Abend des 16. 11. gegen Ende der Wahl roch es hier auch verdächtig stark nach einem geplanten Wahlbetrug. Ich ließ Elena dort und machte mich nach Meschen auf. Elena erzählte mir später, was nach meiner Abfahrt aus Almen zugetragen hatte: Der Chef des Wahlbüros weigerte sich beharrlich, Elena die Anzahl der auf Zusatzlisten abgegebenen Stimmen zu nennen bzw ihr die Zusatzliste zu zeigen. Warum er das nicht wollte, wurde nach Wahlschluß schnell klar: Ohne die Blankowahlzettel und die Stempel VOR Öffnung der Urnen ordnungsgemäß abgezählt und vermerkt in einem Umschlag zu versiegeln, um auf diese Weise NACH der Öffnung der Wahlurnen das Hineinschmuggeln von zusätzlichen Zettlen zu verhindern, wollte der Wahlbüroleiter die Urne einfach so auskippen und die Stimmen auszählen lassen – und das, ob ihr es ghalubt oder nicht IN ANWESENHEIT DES DORFPOLIZISTEN, der sich diesem sich schnell anbahnenden Wahlbetrug in keiner Weise widersetzte!

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Elena schritt prompt ein, sagte Stopp, ließ den trotteligen Polizisten kurzerhand aus dem Wahlbüro werfen(!) ;-))))), ließ die bereits auszähl- und betrugsgeilen Mitglieder des Büros die leeren Wahlzettel und Stempel in Sicherheit bringen und erst dann die Auszählung beginnen. Vor lauter Aufregung (oder auch schlicht Tumbheit) schafften es die Anwesenden Wahlorganisatoren nicht, ca. 240 abgegebeben Stimmen korrekt auszuzählen und auszusortieren, so daß Elena schließlich den Job übernehmen mußte und sogar das Auszählprotokoll ausfüllte. Ohne das korrekt ausgefüllte Protokoll, bei dem logischerweise alle Zahlen stimmen müssen, nimmt das Kreisswahlbüro das Ergebnis nicht an und die Wahl gilt nicht als abgeschlossen.

In “meinem” Wahlbüro Nr. 302 in Meschen dagegen war alles im grünen Bereich. Die Büromitglieder schlossen um punkt 21 Uhr die Türen, sperrten leere Wahlzettel und die Stempel weg, vermerkten alles im Prortokoll und machten sich anschließend ans Auszählen. Zum Schluß fehlte irgendwo ein Wahlzettel, der jedoch schnell auftauchte, richtig einsortiert wurde, so daß die Zahlen perfekt passten. Innerhlab 30 Minuten war das Auszählen beendet, die Wahl offiziell vorbei. Ziemlich genau zwei Drittel hatten in Meschen für Johannis gewählt. Kommentar der sichtbar enttäuschten PSD-Wahlbeobachterin: “- E jale cu ‘J’ mare!” (Es ist ein Elend, mit großem ‘E’ geschrieben!)

Um die Uhrzeit war ich noch skeptisch, ob die sehr guten Ergebnisse in Siebenbürgen den Wahlbetrug in Südrumänien werden ausgleichen können. Was ich im Trubel nicht mitbekommen hatte, obwohl ich Anzeichen dafür durchaus bemerkt hatte, ohne die Ursache der Symptome zu verstehen (die hypernervöse PSD-Wahlbeobachterin in Birthälm, die vielen, fast ausschließlich jungen Wähler, die zwischen 18 und 19-20 Uhr in den Wahllokalen aufgetaucht waren und gewählt hatten, der Versuch des blanken Wahlbetrugs in Almen): Die junge Wählerschaft, darunter auch die Nichtwähler des ersten Wahlgangs, hatte tagsüber in großer Zahl über Facebook mit angesehen, wie die Auslandsrumänen vor den Botschaften stundenlang im Regen und in der Kälte standen, um (eventuell) wählen zu können. Und das während sie zuhause saßen und zu faul oder zu unlustig waren um mit minimalem Zeit und Nervenaufwand wählen zu gehen.

…Wie schon in den Tagen nach dem ersten Wahlgang begannen im Laufe des Nachmittags die Telefone in Rumänien immer öfter zu klingeln – die empörten Angehörigen und Freunde aus dem Ausland meldeten sich zuhause und baten ihre Angehörigen, wählen zu gehen, um auf diese Weise die Verhinderung ihrer Stimmabgabe und ihren Frust im Ausland zu kompensieren. Mit dem sanften oder auch expliziten Druck, den Daheimgebliebenen kein Geld mehr aus Spanien, Italien oder Deutschland zukommen zu lassen, schickten sie im Laufe des Nachmittags Hunderttausende der bis dahin Unentschlossenen zur Urne. Pontas Vorsprung schmolz schnell dahin und war spätestens nach 18-19 Uhr endgültig aufgebraucht.

Das Endergebnis kennen wir und es ist bereits Legende. Legende, weil es einerseits einen neuen(?), bisher untypischen Politikertyp ins höchste Staatsamt hievte, Legende auch, weil es unerwarteterweise nicht Johannis selbst war, der Ponta durch eigene Anstrengung besiegt hätte, sondern “das Volk”, indem es seine 60 Sekunden Entschiedungsfreiheit einmal in fünf Jahren “schwarmintelligent” millionenfach zu multiplizieren und für sich zu nutzen wußte. Es hat den Politikern, dem allmächtigen kleptokratischen “System” mit instinktiver Kraft und aus der Verzweiflung heraus einen Schlag in die Magengrube verpasst.

Pontas gedopter Höhenflug ist am Ende, obwohl er sich gefasst und selbstkritisch-selbstsicher gibt. Er tut so, als ob er die Botschaft des Wahlvolkes kapiert hätte und gibt sich reumütig. Er lügt wieder einmal. Denn hätte er die Botschaft verstanden, wäre er bereits zurückgetreten und würde seine Flucht ins Ausland vorbereiten. Johannis ist am Anfang. Schauen wir mal, ob er die Botschaft des Volkes tatsächlich verstanden hat.

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Politiker vor Wahllokal; pardon: Strohpuppe vor Eßlokal in Elisabethstadt, 16. 11. 2014

Deshalb zur Erinnerung noch einmal: Nicht KJ hat die Wahl gewonnen und sich die letzten Meter auf dem Weg nach Cotroceni erkämpft, sondern die Protestwähler, die von Politikern/”Eliten” nicht mehr vera_scht werden wollen, haben ihn ganz unerwartet innerhalb weniger Stunden hingebeamt. Wie wir wissen, funktioniert das Wegbeamen von der Macht nicht so einfach wie das Hinbeamen. Vera_schung, Betrug, Arroganz und Hochstaplerei seitens der Eliten wird aber in Rumänien seit dem 16. November mit Schlägen in die Magengrube behandelt.
PS: Diesen Bericht widme ich deshalb ganz besonders Herrn Dr. iur. Bernd Fabritius und Herrn Michael Schmidt.

One Response to Wir sind (anonyme) Helden. Mein Tag als Wahlbeobachter am 16. 11. 2014

  1. Roser says:

    “Johannis -nu te a facut Poporul Roman Presedinte ca sa fii curva !!!
    Poporul Roman cere pentru Inalta Tradare D E M I S I A Guvernului Ponta !!!
    Poporul Roman cere D E M I S I A imediata a Guvernului Ponta care a sabotat in -
    mod SOVIETIC si DICTATOR alegerile libere si dreptul fundamental -GARANTAT DE CONSTITUTIE -la votului liber !!!

    Traiasca Poporul Roman si Romania Libera !!!”

    Setzt sich Klaus Johannis für das Volk ein oder verwendet er seine aktuelle Popularität um sein Buch zu vermarkten-drei Groschen mehr könne nicht schaden denkt sich der Sohn eines Kleinkrämers ???

    Wenn er demnächst auch noch einen gesponserten BMW fährt ist es höhste Zeit für das Volk erneut auf die Straßen zu gehen !

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