Weltrekord: Lenau-Schule in Temeswar ‘schenkte’ der Welt zwei Nobelpreisträger

Interessantes Fundstück aus dem Netz: Das rumänische Portal webcultura weist darauf hin, daß die (deutschsprachige) Lenau-Schule in Temeswar die einzige Lehranstalt ihrer Art in Mittel- und Osteuropa sei, die der Welt zwei Nobelpreisträger in zwei verschiedenen Disziplinen ‘geschenkt’ hat: Herta Müller (Literatur, 2009) und Stefan Hell (Chemie, 2014). Das Portal nennt diese kleine Sensation einen Erfolg des “rumänischen Erziehungswesens”.

Nikolaus_Lenau_Lyzeum,_1908_(damals_Realgymnasium)
Erfolg des rumänischen, pardon ungarischen, pardon banater-schwäbishcen, pardon österreichischen Schulwesens: die Lenauschule in Temeswar 1910.

Naja, kennen wir: Positive Leistungen der Nichtrumänen in Siebenbürgen/dem Banat werden ziemlich systematisch als “rumänische” Leistungen gefeiert, während gleichzeitig leigitime Interessen derselben nichtrumänischen Gruppen oft regelrecht diabolisiert wurden/werden (siehe die legitimen Autonomiebestrebungen der Siebenbürger Ungarn oder auch die Restitutionsansprüche der Siebenbürger Sachsen). Bzw. im Wahlkampf werden nichtrumänische Mitbewerber rumänischer Kandidaten schon mal mit der größten Selbstverständlich- und Dreistigkeit als “Fremde” abgestempelt (Ponta versus Johannis) um damit nationalistisch gesinnte Wähler an die Urnen zu locken.

Natürlich ist es eine erfreuliche Nachricht, daß Herr Hell nun auch in den illustren Kreis der Nobelpreisträger aufgestiegen ist – zusammen mit zwei anderen (deutschen?) Kollegen. Seine wissenschaftlichen Hoechtsleistungen hat er hingegen bestimmt nicht seiner Schülerzeit im Temeswar der kommunistischen 70er Jahre zu verdanken, sondern schlicht und ergreifend den Möglichkeiten, die ihm die gut ausgestatteten Forschungseinrichtungen der westlichen Länder boten…

 

Posted by at 10/10/2014
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6 Responses to Weltrekord: Lenau-Schule in Temeswar ‘schenkte’ der Welt zwei Nobelpreisträger

  1. ossian says:

    So what? Könnte man sagen. Und was wenn die Lenau zwei Nobelpreisträger der Welt geschenkt hat?

    Interessant ist eher etwas anderes: es gibt auch in Budapest mind. ein Gymnasium, aus dem zwei Nobelpreisträger hervorgegangen sind, es ist das Gymnasium der Piaristen. Das von Hevesy und von Oláh besucht wurde, die beide in Chemie den Preis erhielten. Und beide waren jüdischer Herkunft, wenn auch diese Herkunft für beide wohl keine Rolle spielte. Doch derselben Herkunft waren auch Teller, Szilárd, Wigner und Neumann und noch eine Reihe anderer Personen, die zumeist Anfang des 20. Jahrhunderts in Budapest geboren und zur Schule gegangen sind und später in den USA Bedeutendes geleistet haben.

    Und was hat das mit der Lenauschule zu tun?

    Ich komme dazu: viel. Denn: einerseits die Oláhs und Tellers, andererseits Müller und Hell: beide Male geht es um Minderheiten, die sich vielleicht nicht allzu wohl in ihrer Haut fühlten: ob der politischen oder sonstigen Umstände. Minderheiten, die sich beweisen müssen. Die auf der Hut sein und fliehen und in einer neuen Umwelt durchsetzen müssen: durch Leistung. Minderheiten, die unter Druck stehen und schöpferisch werden.

    Und es gibt eine Theorie, wonach Perlen unter Druck und dem Leid der Muscheln entstehen. Perlen sind die Tränen der Muscheln, Ausdruck des Schmerzes.

    Wertvolles wie Diamanten entsteht übrigens auch unter Druck.

    Das finde ich interessant und das verbindet die Lenauschule mit manchen Schulen in Budapest. Finde ich zumindest, weiß aber nicht, ob jeder mir folgen konnte.

    • Hedi says:

      Sehr sehr interessant, was ossian schreibt. Die Analogie mit – Perlen u. Diamanten – – auch gut. Gefällt mir
      Habe mein Abitur auch an der Lenauschule gemacht – ein paar Jahre früher. Es ist eine gute Schule. Doch ich denke auch, dass Hells Leistungen durch die guten Möglichkeiten der Forschung in der westlichen Welt erst richtig zustandekommen konnten 🙂

    • hans says:

      das macht grundsätzlich sinn, was ossian sagt… der nischenweltrekord bestuende bei der lenauschule eben darin, dass die beiden den nobelpreis in 2 verschiedenen disziplinen erhielten. (als siebenbürger bin ich tolerant genug, den banatern diesen rekord zu gönnen…)

      die magyarisierung der positivleistungen von nichtmagyaren gekoppelt mit der heftigen kritik an den negativlesitungen derselben (z.b. dominanz ungarischer juden unter den kommunistischen eliten in ungarn) ist/war auch in ungarn volkssport.

      PS: mit dem nobelbepreisten erfinder einer wasserstoffbombe würde ich mich übrigens nicht öffentlich brüsten – und überhaupt frage ich mich, wieso ausgerechnet der preis eines ehemaligen schiesspulverfabrikanten als höchste öffentliche auszeichnung für wissenschaftler und literaten gilt. in ökokreisen nennt man das schlicht “greenwashing”.

  2. edit szegedi says:

    Das Gymnasium in Budapest, das die Nobelpreistraeger hervorgebracht hat, gehoerte und gehoert erneut seit 1989 der evangelischen Kirche. Es ist das beruehmte Fasori Evangelikus Gimnazium.

  3. ossian says:

    “Das Gymnasium in Budapest, das die Nobelpreistraeger hervorgebracht hat, gehoerte und gehoert erneut seit 1989 der evangelischen Kirche. Es ist das beruehmte Fasori Evangelikus Gimnazium.”

    Sofern sich der Beitrag auf meinen Beitrag bezieht, so ist er sachlich nicht zutreffend. Hevesy und Oláh haben nicht das Fasori Evangélikus Gimnázium besucht, sondern das Piarista Gimnázium.

    Das schließt nicht aus, wie man es auf Wikipedia unschwer nachlesen kann (http://de.wikipedia.org/wiki/Fasori_Evang%C3%A9likus_Gimn%C3%A1zium), dass auch das Fasori Evangélikus Gimnázium zwei Nobelpreisträger hervorbringen konnte (nämlich Eugene Wigner und John Harnsányi). Und zwar sogar in zwei unterschiedlichen Disziplinen und das lange vor der Lenauschule!

    Dennoch gilt entgegen dem obigen Beitrag: man braucht kein evangelisches Gymnasium zu sein, sondern (horribile dictu?) kann auch katholisch und dennoch gut sein ;-))

  4. edit szegedi says:

    Ich habe die Namen verwechselt und bitte deshalb um Entschuldigung. Das Evangelische Gymnasium ist uebrigens auch im Nobel-Museum neben den Universitaeten angefuehrt, an denen die Preistraeger studiert haben, was doch einzigartig ist. Was beide Schulen eint, war die grosse Anzahl juedischer Schueler oder genauer, juedischer Abstammung (viele waren getauft).
    Uebrigens: ich bin reformiert (calvinistisch), weshalb mir die konfessionelle Zugehoerigkeit der beiden SChulen gleichgueltig ist. In der reformierten und nationalungarischen Tradition (die mir fremd ist) galten beide Konfessionen als “fremd”.

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