Transylvanisches Tagebuch: Kultige Kuttelsuppen, Goldsuche in Goldbach und Hirtendamen in Highheels

Sonntag, 21. 04. 13: Spaziergang mit meiner vierbeinigen Lena im Erlenpark in Hermannstadt. Mittagessen: die kultige Kuttelsuppe im ebenso kultig-lowprofile-igen Restaurant Kon-Tiki am Zibinsmarkt.

Am Nachmittag Autofahrt mit D., einer guten Freundin aus Bukarest, nach Weissenburg/Alba Iulia. Abends Treffen mit einem Polizisten, der uns Kontakte herstellen soll in der Gegend um Rosia Montana fuer eine kleine wissenschaftliche Studie samt Fragebogenaktion zum Thema öffentliche Beteiligung bei Umweltverträglichkeitsstudiien – Fallbeispiel Goldminenprojekt von Rosia Montana.

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Quellensuche in der Kreisbibliothek von Weißenburg. Artikel in der von der Bergbaufirma RMGC gesponsorten “unabhängigen” Lokalpresse über die angeblichen Vorteile des Goldminenprojektes von Goldbach/Rosia Montana

Montag, 22. 04: Lena geht es schlecht, hat Fieber, bewegt sich kaum, ist niedergeschlagen. Der Tierarzt in Weissenburg liefert mit viel Überzeugung eine teure Fehldiagnose: angeblich ein Virus. Mit Antibiotika macht das 60 Lei. Anschliessend Weiterfahrt nach Abrud in den Westkarpaten – 12 km von Rosia Montana entfernt. Wir quartieren uns strategisch in der Pension des ehemaligen Buergermeisters von Rosia Montana ein, einem notorisch korrupten Lokalpolitiker, über den informierte Einheimische seit Jahren sagen, daß er in den 90ern ein professioneller Golddieb gewesen sei. Unser Hintergedanke: Wir übernachten bei ihm und bekommen so leichter ein Interview von ihm fuer unsere Frageboegen. Der Name seiner Pension: “Die Goldader” (“Filonul de Aur”). Ein neidischer Schelm, wer Böses dabei denkt!

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Pension Filonul de Aur. Goldstehlensuchen lohnt sich!

Dienstag, 22. 04.: Lena geht es immer schlechter. Die Putzfrau in des Ex-Bürgermeisters Pension empfiehlt Tierarzt Radu am Ortsrand. Dort angekommen treffe ich auf einen ungepflegten Bauern in Plastiksandalen – es ist der Tierarzt. Ein erfahrener Blick auf die schwer atmende Lena und seine Diagnose steht fest: Lungenentzündung. Vier Tage und fünf schmerzhafte Impfungen später ist Lena tatsächlich geheilt und wieder die alte: fröhlich, flink und eifersüchtig auf jedes weibliche Wesen in meiner Nähe. D. kriegt inzwischen ihr Interview mit dem Kleptobürgermeister. Alles läuft nach Plan.

Mittwoch, 23. 04.: Machen in Goldbach (=Rosia Montana) weitere Fragebogen-Interviews mit Unterstützern und Gegnern des höchst umstrittenen Goldabbau-Sciencefiction-Projektes. Eine Kompromißlösung ist bei diesem größten (geplanten) Industrie- und Minenprojekt Rumäniens nicht denkbar: Entweder wird alles Gold unter Goldbach herausgeholt und damit der UNESCO-Welterbeverdächtige Ortschaft samt zig Kilometer weltweit einzigartiger Bergwerkstollen aus über 2 Jahrtausenden + einem einzigartig schönen (wenn auch ungepflegten) Ortsbild dem Erdboden gleichgemacht, oder der Ort bleibt intakt und die postmodernen Golddiebe samt ihrer Firma RMGC müssen aufgeben.

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Welterbewürdige siebenbürgische Kultur-, Industrie- und Naturlandschaft auf engstem Raum: Goldbach / Rosia Montana / Verespatak / Alburnus Maikor vom Berg Cetate aus gesehen – durch ein teils natürliches, teils menschengemachtes ‘Felsentor’

Donnerstag, 24. 04: Unsere Unterbringungsstrategie in der “Goldader” von Abrud erweist sich als sehr hilfreich! Wären wir direkt in Rosia Montana in der liebenswert-alternativen Pension von Andrei und Ani, notorischen Gegnern des Goldabbauprojektes untergekommen, hätte das die Leitung der Minenfirma sofort von ihren Spitzeln erfahren und womöglich hätten die Angestellten der Goldfirma unsere Fragebögen nicht ausgefüllt, was die Ergebnisse der Befragung stark verfälscht hätte. Nach den “schwierigen” Interviewpartnern der RMGC können wir aber endlich bei Andrei und Ani einziehen! Lieber die Projektgegner und Bewahrer des dortigen Natur- und Kulturerbes finanziell unterstützen als die Lokalmafiosi!

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Teil der Minenkultur von RM: Einer der etwa fünf noch vorhandenen Speicherseen (hier “Taul Mare” – der ‘Große See’) aus der Habsburger-Zeit für den Antrieb der vormaligen Stampfmühlen für die Zerkleinerung des goldhaltigen Gesteins.

Inzwischen hatten wir auch Zeit, Rosia Montana/Goldbach (erneut) zu erkunden. Faszinierend: Selbst nach meinem ungefähr siebten Besuch dort und insgesamt etwa 4-5 dort verbrachten Wochen, entdecke ich immer wieder neue, ungeahnte, beeindruckende Perspektiven auf diesen einst von deutschen/”sächsischen” Siedlern/Bergleuten im Hochmittelalter wiederbelebten, ehemals römischen Ort. Hier begann teilweise die siebenbürgisch-deutsche Siedlungsgeschichte! Spuren davon sind u.a. in Toponymen erhalten geblieben – so in der Bezeichnung des wichtigsten goldhaltigen Berges von RM, der einst Kernig hieß und heute Carnic.
Nicht zuletzt hatten Rom und spaeter Ofen/Buda(Pest) und Wien ihren Glanz teilweise und im wörtlichen Sinne den Goldminen von Alburnus Maior und später Goldbach/Verespatak/Rosia Montana und seinen ethnisch kunterbunten Goldsuchern zu verdanken…

Meine Entdeckung in Rosia Montana: Mitten im inzwischen stillgelegten Tagebau oberhalb des “Cetate”-Berges finden wir die zugeschütteteten historischen Bergwerkstollen aus früheren Jahrhunderten. Nachdem Ceausescu in den 1970ern den Cetate-Berg mit seinen kilometerlangen Stollen von der nationalen Denkmalliste streichen ließ, um den Berg in einen offenen Tagebau zu verwandeln und nun eben jener Tagebau schon seit Jahren stillgelegt wurde, gehört er eigentlich wieder auf die Denkmalschutzliste. Würde dieses geschehen, so wäre das für die Minenfirma ein zusätzliches Hindernis auf dem Weg zu den unterirdischen Schätzen von Goldbach…

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Wieder auf die Denkmalliste damit!: die jahrhundertealten Bergwerkstollen und unterirdischen Hallen im Berg “Cetate”! Die säulengestützten Gänge und Säle sind erst durch die Sprengungen im Tagebau dieses goldhaltigen Berges in einem ganz neuen landschaftlichen Kontext sichtbar geworden und stellen dadurch eine einzigartige Schnittstelle historischer und moderner Bergbaukultur dar… Etwas Ähnliches gibt es in der ganzen Welt höchstwahrscheinlich nicht mehr.

Freitag, 25. 04.: Haben die allermeisten Interviewpartner befragt – Mission (fast) erfüllt. Erfahren jedoch, dass die Bukarester Regierung der Minenfirma vor wenigen Tagen in Aussicht gestellt hat, das Goldprojekt in einem Hauruck-Verfahren, das eher einem (neuerlichen) Putsch gegen den Rechtsstaat gleichkäme, aus dem Sumpf hoffnungslos verlorener Prozesse herauszuhauen und auf Umwegen per ukas zu genehmigen. Alarm im Lager der Projektgegner und der Abertausenden von Freunden von RM.

…Die schlechten Nachrichten hindern uns aber nicht, zusammen mit unseren Gastgebern und deren Freunden fröhlich zu grillen und die verführerischen Pflaumenschnäpse der Region zu probieren. Wahrscheinlich ist dieses neueste Mannöver der haupstädtischen Großkopfeten nur dazu da, an der Börse in Toronto den Aktienkurs der Minenfirma nach dem letzten Sturz des Goldpreises wieder einmal künstlich zu pushen um dadurch Mitnahmegewinne zu generieren, die dann wiederum an korrupte Politiker in RO bzw. ihre Parteien und die zensurwilligen Medienbetriebe weitergeleitet werden. Korruptistan vom Feinsten!

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Deftiges hausgemachtes Essen und ein selbstgebrannter Schnaps gehören zu jedem Besuch in Rosia Montana!

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Super, Mann! Gut gelaunt und unbesiegbar: Zeno und Ehefrau Mitzi, zwei der bekanntesten Gegner des Minenprojektes

Samstag, 26. 04: Beginn unserer Rückreise nach Hermannstadt, mit einer ersten Zwischenstation in Almasu Mare, einem idyllischen Dorf in den Westkarpaten, wo sich gerade eine kleine Aussteiger-Gemeinschaft ihre ersten Strohballen- und Holzhäuschen baut. Dumm nur, dass in der Nähe ein einflußreicher Rechtsanwalt aus Weißenburg/Alba Iulia drei illegale Steinbrüche betreibt und Expansionspläene hegt.

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Sympathisch und mutig: (Teilzeit)Aussteiger in Almasu Mare vor ihrem Traum-Ökohaus

Ein weiteres Highlight der Fahrt: die Cib-Schlucht zwischen Almasu Mare und Bad Geoagiu am Südost-Rand der Westkarpaten.

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Furt in der Schlucht von Cib

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Aufgelassenes Gehöft in einem Dorf am Eingang zur Cib-Schlucht

Höhepunkt Nummer drei: Zwischen Geoagiu und Vintu de Jos entdecken wir Schäfer, die gerade im Akkord ihre Schafe scheren. Eine schwere Arbeit – und die Schafswolle will heutzutage komischerweise kaum noch jemand haben… Die Aussteiger-Häuslebauer könnten sie gut als umweltverträglichen Dämmstoff benutzen!

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Weder leicht, noch besonders rentabel: Schafescheren in Handarbeit

Höhepunkt Nummer vier: Kurz vor Vintu de Jos entdecken wir zwei Fähren über den Mieresch/Mures. Angetrieben werden sie nur von der Strömung – sonst nichts! Der Fährmann muß dafür die Fähre mit einer Seilwinde schräg zur Strömung stellen und die drückt das schwimmende Gefährt an einem Kabel, das über den Fluß gespannt ist, ans andere Ufer. Ökonomisch, ökologisch, praktisch!

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Fähre und Fährmann bei Serecseu, unweit von Vintu de Jos. Preise: Traktor 6 Lei, Auto 5 Lei, Pferdekarren 4 Lei, Mensch 1 Leu…

Abends in Weißenburg ein neuerliches Treffen mit dem Polizisten. Er erzählt uns einige seiner abenteuerlichsten Einsätze bzw. seine Erfahrungen mit Fälscherbanden, die die Pensionskassen zu bestehlen versuchten; mit blutjungen und schon sehr reichen Gauner-Bräuten, die ihn sexuell zu korrumpieren versuchten; mit illegalem Güterverkehr bei der CFR (Rumänische Eisenbahnen) – und mit Golddieben in Rosia Montana… Wer (zum X-ten Male) solche Wildost-Geschichten hört, der muß zwangsläufig schlußfolgern: Rumänien ist eigentlich gar kein kein Staat, sondern viel eher ein wirtschaftlich-administratives Mafiakonglomerat mit vielen Trikoloren an den öffentlichen Gebäuden zwecks kollektiver nationaler Hypnose, das immer wieder so tut, als mühte es sich redlich, endlich ein Staat zu werden, nur gelingt es ihm dummerweise nie. Schuld daran sind dann gerne “die anderen”: z.B. Ungarn, Juden, Deutsche, Sowjets, Amerikaner, Freimaurer. Immerhin: In letzter Zeit identifizieren immer mehr Rumänen die Ursache der Probleme auch bei den Rumänen selbst.

Sonntag, 28. 04: Weißenburg – Mühlbach – Jina – Poiana Sibiului – Hermannstadt. Jina und Poiana Sibiului: zwei sehr ungleiche, traditionelle Hirtendörfer am Fuße der Karpaten. Jina, die flächenmäßig größte Gemeinde Rumäniens; Poiana Sibiului, eine eher kleine Gemeinde, ohne viel Weideland, um 1500 auf dem Gemeindegebiet des Sachsenortes Dobring/Dobarca gegründet. Der Mangel an Weideland trieb die Schäfer mit ihren Herden buchstäblich in die weite Welt hinaus. Transhumanz nennt sich diese typische Wanderbewegung der Hirten über Hunderte von Kilometern.

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“Pe un picior de plai / Pe o gura de rai…” Blick auf Jina. / km weiter östlich liegt Poiana Sibiului

Heute sind die (ehemaligen) Hirten aus Poiana Sibiului mit die reichsten Bewohner Rumäniens. Die riechsten Bauunternehmer, Tankstellenbesitzer, Privatklinik-Besitzer des Kreises Hermannstadt stammen  von hier oder aus Nachbarorten. Ihr vermögen zählen sie in Millionen Euro. Die Maßeinheit ist das Dutzend.

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Planet Poiana Sibiului: Kirche, BMWs und Hirtenkultur

Durch den intensiven historischen Austausch auch mit den Dobringer Sachsen (diese bauten ihnen oft die Häuser) und nicht nur (So mancher aus P.S. war Anfang des 19. Jhs. sogar in Montana/USA Schafhirte, pardon, cowboy!), entwickelte sich in Poiana Sibiului scheinbar eine einerseits traditionell rumänische Dorf-/Hirtenkultur, gewürzt mit Elementen, die eindeutig städtischen oder auch sächsischen Ursprungs sind – wie z.B. Handwerkerorganisationen, das Spalierstehen vor der Kirche nach dem sonntäglichen Kirchgang gefolgt vom corsomäßigen Flanieren des ganzen Dorfes durch die Ortsmitte – bei gutem Wetter bevorzugt im besten Anzug (der Herr) bzw. einem teuren Kleid und auf moeglichst hochhackigen Schuhen (die Jungfräuleins und die Damen).

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Anstatt Handtasche trägt die Dame dabei wie selbstverständlich ein traditionell gewebtes und besticktes ‘Sackerl’. Der Herr hat derweil seinen schwarzen Mercedes AMG oder Porsche Cayenne gut sichtbar auf dem Dorfplatz abgestellt und parliert mit Freunden, Nachbarn oder Geschäftspartnern.

Das spektakuläre Spektakel in diesem einzigartigen Ort verdient definitiv eine eingehende ethnographisch-kulturanthropologische Studie! Und wißt ihr warum? Nicht nur wegen des selbstbewußt und optimistisch zur Schau getragenen Reichtums stzädtischer Provenienz seitens den Mitgliedern einer traditionsbewußten Hirtengemeinschaft, sondern auch weil u.U. die einstige Teil-Symbiose von Dobring und Poiana Sibiului sowas wie die Urzelle jenes “Phänomens” gewesen sein könnte, das im Jahr 2000 in Hermannstadt auf fruchtbaren Boden traf, als “Phänomen Klaus Iohannis” erblühte und landes- und europaweit bekannt geworden ist. Nicht zufällig stammen treue und wirtschaftlich potente Unterstützer des Bürgermeisters, wie der inzwischen eher umsgtrittene und bestrafte(?) Großunternehmer Carabulea, aus jenen Gegenden der ‘Marginimea Sibiului’…

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Am frühen Nachmittag laufen wir endlich in Hermannstadt ein. Unser Ziel ist selbstverständlich das Kon-Tiki und seine unwiderstehliche Kuttelsuppe. Die Betreiber des Lokals stammen auch aus der Marginimea Sibiului. Mittleweile (er)kennen sie mich schon und mir wurde die Ehre zuteil, vom Kellner mit Handschlag begrüßt zu werden! ;-). Sie scheinen es ausgesprochen zu schätzen, daß ein deutschsprachiger “Exot” wie ich sie immer wieder aufsucht und neue, begeisterte Gäste mitbringt…
Zwischen (Rest)sachsen und (Noch)Hirten pulsiert scheinbar eine positive interkulturelle Energie…

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Unnachahmlich: Kuttelsuppe a la Kon-Tiki, serviert in randvollen Tellern. Nachschlag gibt es gratis, freundliche Bedienung und faire Preise ebenfalls…

Posted by at 29/04/2013
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One Response to Transylvanisches Tagebuch: Kultige Kuttelsuppen, Goldsuche in Goldbach und Hirtendamen in Highheels

  1. E cel mai cuprinzator paragraf despre Transylvanisches Tagebuch: Kultige Kuttelsuppen, Goldsuche
    in Goldbach und Hirtendamen in Highheels . Tineti-o tot asa!

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