Siebenbuergen – Rumaenien – Russland. Es passieren Dinge und darueber sollte man reden.

RO: Transilvania intra, implicit si explicit, in discursurile politice si pe agenda publica national si internationala. Ce inseamna acest lucru pentru Ardeal? Cum suntem priviti de Ponta, de Rusia, de Printul Charles? Cum ar trebui sa actionam/reactionam la cele ce se petrec pe scena politica?
DE: Siebenbuergen kommt immer mehr in den Fokus der nationalen und internationalen Politik. Wie werden wir von Bukarest, von Russland, von Prinz Charles von Wales gesehen? Wie sollte Siebenbuergen auf die neuen Entwicklungen im Lande und im Ausland reagieren?
EN: Transylvania enters more and more the political agenda in Romania and abroad as well. Therefore the question arises, how we’re seen by Bucharest, Russia(!), Prince Charles of Wales – and how multicultural Transylvania and the Transylvanians should best relate to the shifts and changes ininternational politics…

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Siebenbuergen ‘kommt ins Gerede’. Innerhalb Rumaeniens aber auch in Putins Russland wird Bezug genommen auf hiesige Gegebenheiten und oeffentliche Personen. Die Art und Weise wie dieses geschieht, sagt viel ueber diejenigen aus, die die Aussage gemacht haben – aber auch ueber die Art und Weise, wie wir aus deren Perspektive wahrgenommen werden.

1. Victor Ponta setzte sich auf eine peinlich-abstossende Art und Weise nationalistisch-orthodoxistisch in Szene, indem er absichtlich falsch suggerierte, er muesste sich vor national und konfessionell ‘Andersartigen’ wie z.B. dem saechsischen/evangelischen Gegenkandidaten Klaus Johannis (nicht) dafuer rechtfertigen muessen, orthodoxer Rumaene zu sein. Mit dieser rethorischen ‘Schwalbe’ definierte er – Ceausescu laesst gruessen! – mir-nichts-dir-nichts die Nichtrumaenen in Rumaenien zu aggressiven, intoleranten, fuer die orthodoxen Rumaenen gefaehrlichen Zeitgenossen um… Ausserdem behauptete Ponta faelschlicherweise, Johannis sei “Neoprotestant” – ein Beweis grandioser, selbstbewusster Bloedheit – oder auch schlicht provokanter Frechheit seitens des Regierungschefs dieses unseres “europaeischen” Landes.

So oder so draengt sich einem denkenden und informierten siebenbuergsichen Zeitgenossen gleich welcher Gruppenzugehoerigkeit die Schlussfolgerung auf: ‘Die Bukarester/suedrumaenischen Polit-Eliten haben Siebenbuegen in seiner strukturellen Andersartigkeit und Vielfalt immer noch nicht zur Kenntnis genommen – oder nicht nehmen wollen! Klaus Johannis wird von Anhaengern Pontas als “Fremder” bezeichnet (deutscher Staatsbuerger aus Deutschland!), dem folglich die Kandidatur zum Praesidentenamt auch nicht zustuende.

Diese Mischung aus abgrundtiefem Nichtwissen + maximaler Lautstaerke gibt zu denken. Was genau es zu denken gibt, weiss ich selbst nicht, aber es gibt zu denken, dass viele unserer Mitbuerger scheinbar nicht denken, wenn sie politische Entscheidungen zu treffen haben, stattdessen aber populistischen Trickbetruegern mit erschlichenem Doktortitel zujubeln!

2. Die Ungarnpartei RMDSz/UDMR muesste aus Interessenkonflikt eigentlich aus der jetzigen Regierung austreten, weil die Regierung gegen eine EU-Petition fuer Minderheitenrechte klagt, die RMDSz mit initiiert hat. Aus welchen Gruenden auch immer bleibt die UDMR in der Koalition, der von ihre gestellte Kulturminister Kelemen Hunor trat  aber alibimaessig zurueck (juristisch/politisch irrelevant), so dass gerade ein Ersatz fuer seinen Posten gesucht wird. Diesen findet die UDMR ausgerechnet in einer umstrittenen Person (Biro Rozalia), die scheinbar ein Problem mit dem Beherrschen der rumaenischen Sprache hat. Das wiederum nutzt Praesident Basescu, um sueffisant aber in der Sache richtig dagegen anzupolemisieren und ihre Ernennung in Frage zu stellen. Die Ungarn bieten naiv Angriffsflaechen, die Rumaenen nutzen sie sofort aus…

3. Basescus ehemaliges Schosshuendchen, sprich Klausenburgs Buergermeister Emil Boc (ehemaligr Ministerpraesident), meint derweil, ein Gerichtsurteil anfechten zu muessen, dass ihn dazu verpflichtet, die Ortstafeln der siebenbuergischen Provinzhauptstadt bitteschoen auch auf Ungarisch anzubringen. Wirklichkeitsverweigerung und gezielte Buergerbeleidigung zu Wahlkampfzwecken, um die nationalistische Kolonialklientele unter seiner Waehlerschaft zu bedienen… Gleichzeitig bewirbt sich Klausenburg um den Titel Europaeische Kulturhauptstadt. Peinlich. Eine Stadt, die die ofizielle, sichtbare Anerkennung seiner Multikulturalitaet verweigert, ist weder europaeisch, noch “kultur-”, noch Hauptstadt, sondern schwebt hoechstens in einem windschiefen Elfenbeintuermchen.

4. Zu guter Letzt: Voice of Russia, Putins Sprachrohr, keilt gegen die Auesserungen des rumaenischen Geheimdienstchefs Maior (ein Klausenburger, meines Wissens), der daran erninnert hatte, dass Rumaenien auf Russlands expansionstische Absichten im Donau-Schwarzmeer-Gebiet schon vor Jahren hingewiesen haette, ohne von den westlichen Buendnispartnern erstgenommen zu werden. VR nennt im Gegenzug Rumaenien ein “sonderbares Land“, das als amerikanische Kolonie praktisch von Geheimdiensten regiert wird. OK, stimmt sogar und ist nichts wirklich Neues fuer diese Region. In Russland ist es aber wohl noch schlimmer: Von Geheimdienstlern regiert und mit viel weniger Einfluss der USA/des Westens als Rumaenien.

Als Zweites droht Russlands Stimme Rumaenien kaum verhohlen damit, dass das Szeklerland dereinst als autonomes Gebiet Bukarests Hoheit nicht mehr anerkennen wird – und die USA moeglicherweise auf Rumaeniens ‘Telefonanruf’ nicht mehr antworten werden, wenn es brenzlig wird. LINK>>>

Aha, so also! Eigentlich ist es auch nichts Neues, dass Russland seine Nachbarstaaten durch die Unterstuetzung von (vermeintlich) sezessionistischen Bewegungen zu zerruetten versucht bzw. dieses auch hervorragend schafft. Neu ist, dass es nun auch Rumaenien mit diesem Zaupfahl winkt. Auf eine unangenehme Art neu ist fuer uns in Siebenbuergen jedoch die Tatsache, dass diese zu fast 90% ungarisch bewohnte Teilregion, mit der das zentralistische Bukarest so gerne hadert, dadurch zumindest deklarativ den Status eines potentiellen Pingpongballs im neuen Great Game zwischen Ost und West bekommt. Das Bild vom neuen Grossen Aufteilungsspiel, in welchem auch unser Laendchen auf der Liste steht, wird abgerundet durch den Besuch von Prinz Charles im Szeklerland im Fruehjahr dieses Jahres. Dort liegt also was im Busch – Ereignisse und Veraenderungen koennten anstehen.

Dieses alles ist insgesamt eher beunruhigend. Andererseits birgt es aber auch langfristig positives Potential – allerdings erst ein paar Ecken weiter und  nach dem kollektiven Durchwaten einiger stinkender Schlammpfuetzen aus rumaenischen nationalen Mythen und Hegemonieanspruechen ueber das multiethnische Transylvanien, gedoppelt von szeklerischer/siebenbuergischungarischer Griessgraemigkeit und Kommunikationsunfaehigkeit bezueglich seiner legitimen Ansprueche auf anteilsmaessige Teilhabe an den oeffentlichen Ressourcen (Bekleidung oeffentlicher Aemter, Sprachgebrauch in Staatsmedien usw.) sowie Formen personeller oder auch territorialer Autonomie. Hinzu kommt das nicht-mehr-existieren-wollende Sachsentum. Hinzu kommt ein grosses Fragezeichen namens Roma/Zigeuner. Hinzu kommen ueberhaupt die Migrationsstroeme zwischen Ost und West und Siebenbuergens ‘Tradition’ als Land der Voelkerwanderungsautobahn. Hinzu kommen weitere Unbekannte, die die Gleichung Transylvanien recht unueberschaubar machen.

5. Unterstuetzung koennten die Szekler ausgerechnet von den als nicht minder nationalbewusst bis antiungarisch geltenden rumaenischen Motzen in den Westkarpaten erhalten, die angeblich ueber einen EU-Abgeordneten ein Kontaktbuero in Bruessel eroeffnen wollen. Selbiges wurde den Szeklern von seiten rumaenischer Politiker vor einigen Jahren noch verweigert und als “antieuropaeisch”(!) abgetan.
Die Realitaet maeandert also vor sich hin und gibt der Wahrheit und dem Pragmatismus und der Vernunft immer wieder eine neue Chance.

Und moeglicherweise werden in Zukunft nur jene Staatsgebilde eine Chance auf Fortbestand haben, die sich der Wirklichkeit, der historischen Wahrheit und dem moeglichst ideologiefreien Pragmatismus nicht verschliessen. Rumaenien in seiner gegenwaertigen Form erscheint mir fast 100 Jahre nach der “Grossen Vereinigung” mit dem von Frankreich geschenkten Siebenbuergen wie ein spielsuechtiger Casinobesucher, der seine ewig gleichen Taschenspielertricks anzuwenden versucht und glaubt, mit seiner institutionalisierten Wirklichkeitsverweigerung die ‘sanfte Zerstoerung’ (=ethnische und konfessionelle Saeuberung) des europaeischen Mikrokosmos Siebenbuergen endlos und ungestraft weitertreiben zu koennen, ohne dass die ‘bloeden Westler’ irgendwann doch noch halt sagen.

Eine wie auch immer geartete Umstrukturierung Rumaeniens ist wiederum NICHT AUTOMATISCH eine Chance fuer die Bewohner Siebenbuergens – im Gegenteil: wenn der Prozess Instabilitaeten bringt (z.B. durch Konflikte zwischen frustrierten rumaenischethnischen Importbeamten in Polizei, Gendarmerie, Geheimdienst, Armee usw., die ihre privilegierten Jobs im Szeklerland abgeben werden muessen und ungeduldigen, kommunikationsgestoerten Szekler Hitzkoepfen oder auch Grossungarn-Nostalgikern).

Vorausschauend und klug agierend laesst sich aber ein Riesenpotential an Zukunftschancen fuer Siebenbuergen und seine Teilregionen zum Wohle breitester Bevoelkerungsschichten entdecken und umsetzen. Von Foerderalisierung bis hin zu Unabhaengigkeit – ja, wagt auch diesen Gedanken zu denken! – ist alles denkbar. Fragt sich nur, ob wir fuer diese Optionen uebrhaupt reif sind? Im Moment sicher nicht. Aber bei Bedarf werden die Siebenbuerger innerhalb kurzer Zeit ziemlich reif und erwachsen werden.
Fragt sich auch, welche Option ueberhapt Sinn macht? Eine Unabhaengigkeit zum Preis des Abtretens der Goldvorkommen, der Waelder, der Erdgasresourcen? Undenkbar und unverhandelbar! Dann lieber noch ein paar Jahrzehnte mit Rumaenien weiterwurschteln bis beide Seiten reif genug sind um einen Konsens ueber die gemeinsame Zukunft oder die samtene Scheidung auszuhandeln – zum Vorteil beider Seiten. Bis dahin koennten wir schon mal als gemeinsames Zukunftsprojekt die Verlegung der rumaenischen Hauptstadt nach Siebenbuergen (Kronstadt/Brasov/Brasso) andenken…

Wer die Zeichen an der Wand sehen will, wird also merken: Fuer die Bevoelkerungsgruppen Siebenbuergens stehen – idealerweise jetzt schon – ein paar naheliegende Dinge auf einer noch nicht existierenden transylvanistischen Tagesordnung an:
1. Eine mutige, selbstkritische, realitaetsorientierte, ideologieferne und feindbildfreie Selbstdefinierung der Mitglieder der einzelnen Gruppen und der Gemeinschaft dieser Gruppen. Ressentiments gegeneinander sind genauso dumm wie Ressentiments nach aussen hin (Budapest, Bukarest).
2. Welche Optionen haben wir als Region im gegenwaertigen und zukuenftigen (internationalen) Kontext? Welches sind die Chancen, die es zu nutzen und die Gefahren/Fallen, die es zu meiden gilt?
3. Welche Paradigmata, Werte leiten uns heute? Wieviel taugen diese in naher und fernerer Zukunft?
4. Welches waeren die Grundpfeiler/Elemente einer siebenbuergischen Politik nach innen und nach aussen?
5. ???
Ueber diese Themen werde ich im weiteren Verlauf hier meine Ansichten ‘verkuenden’, wobei normalerweise ein Dialog vonnoeten ist. Also, Kommentare und eigene Beitraege willkommen!

Posted by at 02/08/2014
Filed in category: Politik & Wirtschaft, Transylvanisches Tagebuch,

4 Responses to Siebenbuergen – Rumaenien – Russland. Es passieren Dinge und darueber sollte man reden.

  1. Anonymous says:

    Zu all dem gehören vorweg einmal Menschen!

    An denen beginnt es bereits eklatant zu mangeln …

    Das deutsche Element in Siebenbürgen besteht de facto nur mehr rudimentär, das völlig Ende ist auf Grund der gegebenen Altersstruktur der Deutschsprachigen abzusehen.

    Das madjarische Élement wackelt ganz ordentlich. Außerhalb madjarisch besiedelter Kerngebiete, wie z.B. des Seklerlandes, schrumpft das madjarische Element seit Jahrzehnten. Auch in Ungarn schrumpft die Bevölkerung und die Madjarischsprachigen Rumäniens übersiedeln eher nur zu einem kleinen Teil nach Ungarn, da dort keinesfalls Milch und Honig fließt.

    Auch die Rumänischethnischen türmen in Scharen. Es wäre höchst an der Zeit eine realistische Bevölkerungsstatistik nicht nur Siebenbürgens sondern ganz Rumäniens zu produzieren …

    Selbst den Zigeunern bleibt kaum etwas Anderes übrig als auch abzuhauen, da ihnen die für ihre spezifische Lebensweise unabdingbare rumänische Wirtsbevölkerung langsam abhanden kommt.

    In absehbarer Zeit wird es cet. par. in Rumänien vorwiegend Pensionsbezieher geben und nur mehr relativ wenige Menschen, die in das rumänische Sozialsystem einbezahlen werden. Werden die Fehlbeträge des rumänischen Sozialsystems nicht von den Profiteurländern dieser Entwicklung ausgeglichen werden, dann werden die Pensionisten Rumäniens auf Sicht keine Pensionen mehr ausbezahlt bekommen können.

    Verursacht wurde diese Desaster durch den Raubzug derer, die die “Wende” herbeigeputscht haben. Das waren keine Rumänen! Europäische Aristokratie + Ostküste stecken da dahinter. Wer sie sekundierte, sollte durchaus mitangeprangert werden …

    Aristokratische Parasiten als “tonangebend” darzustellen und auch zu akzeptieren ist ein Armutszeugnis …

  2. Not amused says:

    @Anonymous: Parasiten .. ., ja, ja, Läuse, Ratten, Ungeziefer, das ausgemerzt werden muss: Wir kennen dieses Vokabular von den NS-Propagandisten Robert Ley, Julius Streicher und Konsorten, es ist die Sprache der Unmenschen.

  3. Anonymous says:

    … die Leute kannten auch z.B. die habsburgischen und wilhelminischen Jubelpostverfasser, die sogar noch gejubelt haben als reihenweise die Leute in den Städten von Hunger geschwächt auf der Straße zusammengebrochen sind während Ihrogottesgnaden unverändert Fettlebe gehalten haben. Haben Sie vielleicht damals auch schon solche Beiträge verfasst? :)

  4. Not amused says:

    Nicht immer von sich und eigenen Verfehlungen so plump ablenken wollen, Anonymous!

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