Lucian Boia entkrampft die Geschichtsschreibung Siebenbürgens und Rumäniens

RO: Istoricul Lucian Boia contribuie, cu noua sa carte despre Primul Razboi mondial si rolul Romaniei, la o noua perspectiva, neideologica, asupra momentului istoric 1918 si alipirea/unirea Transilvaniei la/cu Romania.
DE: Der Geschichtswissenschaftler Lucian Boia traeg mit seinem neu erschienene Buch zu einer entideologisierten Betrachtungsweise der Geschehniss des I. Weltkriegs und der Zeit danach aus der Sicht Rumaeniens und Siebenbuergens bei.
EN: Lucian Boia, writes a book about the First World War and Romania free of ideological or nationalistic biases, shedding new light on the relationship between Transylvania and Romania and the unification of Transylvania with the Kingdom of Romania.

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Lucian Boia. Quelle: www.jurnaldecarte.ro

In seinem neuesten Buch ueber Rumaeniens Teilnahme am I. Weltkrieg mit dem einschlaegigen Titel „Primul Război Mondial. Controverse, paradoxuri, reinterpretări” – ‘Der Erste Weltkrieg. Kontroversen, Paradoxa, Neudeutungen’ leistet der bekannte Bukarester Historiker einen neuen Beitrag zu einer weitestgehend ideologiefeien, realitaetsnahen Geschichtsschreibung Rumaeniens. Die meistdiskutierten Passagen beziehen sich auf den Gebietszuwachs Rumaeniens nach dem ungluecklichen Kriegsverlauf ab 1916, gefolgt von einem gluecklichen Kriegsausgang 1918. So erhielt das bis dahin relativ kleine und arme Land entgegen der Wilsonschen Prinzipien des Selbstbestimmungsrechts der Voelker Siebenbuergen und ostungarische Komitate/Banat, das Buchenland, Bessarabien, Dobrudscha usw. OHNE vorherige Volksabstimmungen/Konsultationen der einheimischen Bevoelkerungsgruppen.

Akklamatorische Zustimmungen gab es in Siebenbuergen u.a. am 1. Dezember 1918 seitens cca. 1200 siebenbuergischen rumaenischethnischen Delegierten auf der Nationalversammlung in Karlsburg/Alba Iulia sowie am 8. Januar seitens der Delegierten des Sachsentages in Mediasch im Namen der Siebenbuerger Sachsen. Eine Volksabstimmung hat es aber in keinem der neu erworbenen Landesteile gegeben. Ungarische Siebenbuerger aeusserten sich auf einer Demonstration in Klausenburg am 22. 12. 1918 erwartungssgemaess GEGEN den Anschluss an Rumaenien.

Lucian Boia praezisiert (und wiederholt) in einem heute erschienenen Interview der Zeitung Gandul einige seiner an sich banalen weil gut belegten Aussagen, die nach Veroeffentlichung des Buches kontrovers aufgenommen worden waren. Hier ein paar Beispiele:
1. Siebenbuergen hat nie zu Rumaenien oder zu rumaenischen Fuerstentuemern gehoert, sondern war von Anfang an Teil Ungarns. Demnach koennte man rumaenischerseits ‘den Ungarn’ zwar vorwerfen, ‘die Rumaenen’ unterdrueckt zu haben, nicht jedoch, “ihnen” das Land “weggenommen” zu haben. [Damit faellt der Mythos von "Siebenbuergen, rumaenische Erde."]
2. Die Rumaenen stellten etwas mehr als 50% der Bevoelkerung des historischen Siebenbuergens (innerhalb des Karpatenbogens, also ohne ostungarische Komitate), die Nichtrumaenen immerhin ueber 40-45% – also eine Groessenordnung, die bei einer demokratischen, legitimen Entscheidungsfindung nicht uebergangen werden durfte. Trotzdem wurden diesse Bevoelkerungen nicht befragt, wobei sie die Mehrheit in praktisch allen Staedten sowie in einigen Gebieten stellten. [Damit faellt der Mythos von der voelkerrechtlichen Legitimitaet des Anschlusses Siebenbuergens an Rumaenien.]

Eigene Ergaenzung zu Punkt2: Die ostungarischen Komitate bis zu den Kammhoehen der Westkarpaten beinhalteten 6-7 groessere Staedte – heute allesamt Kreisstaedte – in denen die Mehrheitsverhaeltnisse z.B. in den Staedten Frauenbach/Baia Mare, Sathmar, Wardein, Arad, Temeswar aus einem bunten Kuddelmuddel aus 3-4-5 Nationalitaeten und noch mehr Konfessionen/Religionen ausmachten – mit den Rumaenen in eindeutiger MINDERHEIT.
Geht man der sich aufdraengenden Frage nach (die in der hitzigen Siebenbuergen-Diskussion fast immer ausgeblendet wird), warum diese Staedte entgegen der demographischen Verhaeltnisse Rumaenien angeschlossen wurden, gelangt man auch schon zur Antwort auf die Logik, die bei den Grenzziehungen nach dem I. Weltkrieg generell waltete: Die Neuaufteilung von gewachsenen politischen und wirtschaftlichen Strukturen moeglichst zur langfristigen Schaedigung der unterlegenen Partei. Rohstoffe und verarbeitende Industrie sollten vorwiegend in unterschiedlichen Laendern liegen – daher auch die obligatorische Kappung der Eisenbahnknotenpunkte Wardein, Arad, Sabadka, Kaschau usw. von Budapest.

3. Die Rumaenen Siebenbuergens haben sich eine Vereinigung mit dem Rumaenischen Koenigreich nicht mehr gewuenscht als den Verbleib in einem konfoederal umorganisierten Oesterreich-Ungarn. [Damit faellt der v.a. im National-Kommunismus hochgehaltene Mythos vom "jahrtausendealten Wunsch der Rumaenen nach Vereinigung in einem einzigen Staat".]

4. (Alt)Rumaenien hatte und hat ein historisches Handikap: Seine Staatlichkeit begann erst vergleichsweise spaet, selbst fuer regionale Verhaeltnisse und war lange Zeit eine sehr einfach gegliederte Gesellschaft bestehend aus Bojaren und Leibeigenen. Eine staedtisch-buergerliche Kultur entwickelte sich erst relativ spaet. [Damit faellt der Mythos von der ueber 2000 Jahre alten Staatlichkeit Rumaeniens/des rumaenischen Volkes.]
[Eigene Ergaenzung dazu: Dieser Aspekt spielt auch in der Beziehungs-”Chemie” zu Ungarn, Deutschen, Juden usw. eine Rolle und war der geeignete Naehrboden fuer bewusst gezuechtete Ressentiments und diskriminatorische (Enteignungs-)Praktiken gegenueber diesen. Um das Tragikomische dieser Gemengelage zu verdeutlichen: Die spaetmittelalterlichen Fuerstentuemer Walachei und Moldau waren nach gaengiger Auffassung auf Veranlassung des Koenigreichs Ungarn entstanden, dem gegenueber sie sich folgerichtig ueber laengere Zeit in einem Vasallenverhaeltnis befanden.]

Wie die Entscheidungsfindung zum Anschluss an Rumaenien bei den Eliten der Siebenbuerger-Sachsen waehrend der Mediascher Versammlung vom 8. Januar 1919 verlief, laesst sich anhand einer 2003 veroeffentlichten Abschrift des Stenogramm-Protokolls jenes geschichtstraeechtigen Ereignisses ersehen. In den Ansprachen und Antraegen der Delegierten ist durchgehend davon die Rede, dass den Sachsen im Kontext der rumaenischen Besetzung des Landes nichts anderes uebrig bliebe, als den von den Siegermaechten bereits beschlossenen Anschluss Siebenbuergens an Rumaenien mit zu unterstuetzen, anderfalls wuerden die Deutschen Siebenbuergens bei den Rumaenen als Gegner/Feinde des Landes gelten und noch mehr Nachteilen ausgesetzt werden als beim beschlossenen Anschluss (mit oder ohne Garantieversprechen) an Rumaenien sowieso zu befuerchten steht.
Die Abschrift des Protokolls mit einigen Erklaerungen finden Sie im Aufsatz: Die Mitschrift der Mediascher Anschlußversammlung, in Zeitschrift für Siebenbürgische Landeskunde, Siebenbuergische Semesterblaetter, 2003/2.

Lucian Boia ist seit Mitte der 1990er Jahre durch seine mythenzersetzenden Veroeffentichungen bekannt geworden. Er wird moeglicherweise mit einem Beitrag an der internationalen Tagung “Siebenbürgen und der Erste Weltkrieg” Anfang September in Graz teilnehmen.

Posted by at 22/07/2014
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