Greise, Grenzen und Gespenster – erneut über die Tragikomik des Nationalismus in Südosteuropa

Vor wenigen Tagen spielten die Fussballnationalmannschaften Rumäniens und Ungarns ihr erstes Qualifikationsspiel für die EM2016 gegeneinander. Es fehlte auch diesmal nicht an (punktuellen) gegenseitigen Provokationen nationalistisch zugedröhnter Fans. Beliebt sind auf ungarischer Seite seit Neuestem Banner, die die (legitime) Zugehörigkeit des Szeklerlandes zu Rumänien verneinen, auf rumänischer Seite wiederum sind regelmäßig Transparente zu sehen, die die Existenz des Szeklerlandes grundsätzlich verneinen(!) oder Sprechchöre, die die ethnische Säuberung Siebenbürgens von seiner altansäßigen ungarischen Bevölkerung fordern, sind diese doch angeblich seit ueber 1000 Jahren “Fremde” in dieser genuin “rumänischen” Urheimat…

Am gestrigen 14. 10. wiederum spielten in Belgrad Serbien gegen Albanien. In der 42. Minute ereignete sich dabei etwas ziemlich Merk-, Denk- und Unwürdiges zugleich: Eine Drohne aus der VIP-Tribüne ferngesteuert – angeblich von niemand geringerem als dem Bruder des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama – überflog mit einem Banner das Spielfeld, was prompt eine nette kleine Schlägerei zwischen den Teams auslöste, die scheinbar meinten, für die Verteidigung des Vaterlandes auf dem Rasen zu stehen und nicht, um Tore für die Teilnahme an einem EUROPÄISCHEN Sportereignis zu schießen. Balkankrieg statt Balltreterei.

Was war denn auf dem Banner so Provokatives zu sehen? Außer den Umrissen eines großalbanischen Möchtegern-Imperiums (unter Einbeziehung von Gebieten, die heute u.a. zu Serbien gehören) und zwei greisen Nationalhelden auch ein Schriftzug, den die Medien in ihrer Berichterstattung über den Vorfall eher ignoriert haben, obwohl er den Schlüssel zum Verständnis der Problematik liefert…

Serbia vs Albania
Originalfoto vom fliegenden Banner… (Quelle: SPIEGEL)

Da das Banner mit der durchscheinenden Aufschrift von hinten fotografiert wurde (s. oben), bemühten sich wenige, dem schwer leserlichen Wort Aufmerksamkeit zu widmen. Entziffert man den Schriftzug bzw. spiegelt man das Foto, haben wir “AUTOCHTONOUS” (“einheimisch”) vor uns stehen – und somit die Schlüsselbotschaft “der Albaner” an “die Serben”, die Albaner (und nur sie) seien Einheimische in den Grenzen des virtuellen Großalbanien – und alle anderen Gruppen (Serben, Mazedonier u.a.) bloß Fremde, ohne legitimes Anrecht auf das Land.

alserb-gespiegelt“Autochtonismus” – Zauberwort und argumentativer Totoschläger im östlichen Europa… Das albanische Banner gespiegelt

Da haben wir es wieder, dieses Gespenst des exklusiven Autochtonismus, der im Osten Europas im 19. und 20. (und 21.) Jahrhundert regelmäßig zur Rechtfertigung von Hegemonialansprüchen instrumentalisiert wird. Gespenst deshalb, weil autochton nicht nur diejenigen sind/sein können, die sich als offensichtliche, garantierte und einzige Nachfahren einer antiken lokalen Bevölkerungsgruppe definieren (klassisch: Albaner->Illyrer, Rumänen->Daker/Römer), sondern auch diejenigen, die einige Jahrhunderte später in denselben Gegenden des Kontinentes seßhaft wurden (Serben, Ungarn).

Jedwede andere Definition des Autochtonismus als in einem nüchternen, realistischen und inklusivistischen Sinne ist schlicht und einfach wirklichkeitsfremd und sektiererisch-gefährlich, dient sie doch nur der Mobilisierung benachbarter und miteinander verflochtener, gar verwandter identitärer Gruppen hin zu unlösbaren, lang andauernden Konflikten untereinander.

Daß die Mythen des exklusiven, konfliktuellen Autochtonismus in politischen Machtzirkeln generiert (und als wissenschaftliche Erkenntnisse getarnt ins kollektive Bewußtsein verpflanzt) werden und ausschließlich der Agenda dieser Machtzirkel (und nicht etwa den berechtigten Interessen der identitär ferngesteuerten und fehlgelenkten aufgehetzten Massen) dienen, läßt sich recht deutlich auch aus dem Belgrader Vorfall herauslesen: Olsi Rama, der vermeintliche Fernsteuer-Pilot der Drohne ist Staatsbürger jenes Landes, welches seit den 1990er Jahren die albanische geopolitische Agenda ganz gezielt unterstützt: also der USA.

Deshalb kann die symbolträchtige großalbanische Droh(nen)geste mitten im Herzen Serbiens auch als amerikanischer Stinkefinger zum geplanten und nicht minder symbolträchtigen Auftritt Vladimir Putins in Belgrad am morgigen 16. 10. aus Anlaß des 70-sten Jahrestages der Befreiung der Stadt von der hitlerschen Besatzung gelesen werden. Ein K(r)ampf der Gespenster allüberall; denn Putin verkauft seine Hegemonialpolitik in der Ukraine heute genauso als Kampf gegen das Gespenst des Faschismus wie Milosevic in den 1990ern seine Massentotschlagpolitik in Kroatien und Bosnien. Und all dieses geht natuerlich auf Kosten aller einheimischen Bevölkerungen auf dem Balkan und v.a. auf Kosten des gesunden Menschenverstandes.

Schlußfolgerungen:
Negativ formuliert: Ein Europa, daß sich seit 200 Jahren “aufgeklärt” und “rational” glaubt, in seinen östlichen Gefilden jedoch der romantisch verbrämten chronischen Intoxikation der Massen durch ethno-identitäre Münchhausengeschichten nicht entgegentritt, ist weder rational noch aufgeklärt, sondern kapituliert jedes Mal vor jenen, die aus machtpolitischen Gründen die gemeinsamen legitimen Rechte ALLER hier wohnenden Volksgruppen sowie den elementaren Menschenverstand mit Füßen treten.

Oder positiv formuliert: Die Ostvölker könn(t)en sich sehr wohl aus der selbstverschuldeten identitären Unmündigkeit befreien, indem die Staaten, in denen sie siedeln, jeder der Gruppen den Status eines autochtonen Volkes zugestehen. Anstatt des tief frustrierenden, todbringenden Nullsummenspiels aufgrund des exklusiven Autochtonismus würde in Zukunft aufgrund des inklusivistischen, geteilten Autochtonismus eine für alle Seiten gewinnbringende neue Großraumordnung im Südosten entstehen. Das Pulverfaß Balkan wäre dann schlicht und einfach keines mehr. Verlierer wären in dem Falle wiederum jenen internen und externen Mächte, die die jetzigen künstlichen Feindschaften der Massen und den gespenstischen Kampf ihrer Illusionen aufrechterhalten und für sich zu nutzen wissen. Z.B. die USA und Rußland. Und nicht nur…

Posted by at 15/10/2014
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7 Responses to Greise, Grenzen und Gespenster – erneut über die Tragikomik des Nationalismus in Südosteuropa

  1. Armin says:

    Wenn sich auch nur ein einzelner Mensch in einem fremden Land niederlässt und dort heimisch wird, lebt und wirkt, wird man ihm nach einigen Jahren bereits schwerlich das Recht abstreiten können, die von ihm gewählte Umgebung als seine neue Heimat zu bezeichnen.

    Um wie viel mehr sind Völker (auch wenn es sich dabei um Volkssplitter und kleine Minderheiten handelt) als Einheimische anzuerkennen, wenn ihre Vorfahren seit Jahrhunderten (also seit zig Generationen) einen Landstrich bewohnen!

    • hans says:

      die heutige praxis (in oesterreich und ungarn z.b.) geht von einem orientativen wert von 100 jahren aus, ab dem eine neu angesiedelte gruppe als einheimisch anzusehen ist. in ungarn werden also nach dieser konzeption in 75 die ungarlaendischen chinesen ethnische minderheit. ebenso in serbien, in cca. 80 jahren.

  2. Alexander Eickhoff says:

    Das Problem ist deutlich vielschichtiger, es geht eben gerade nicht nur darum das diese zugewanderten Bevoelkerungsgruppen nicht als Einheimische anerkannt werden, sondern auch darum das sie sich selbst nicht als Einheimische sehen und fortlaufend ihre Nichtzugehoerigkeit betonen ………….

    • hans says:

      das besondere an siebenbuergen: hier sind alle die nachfahren der nachfahren von zugewanderten, auch wenn man rumaenischerseits sich aus der ideologisch motivierten leugnung dieser selbstverstaendlichkeit für die eigene nation nach 1918 massive privilegien gegenueber den hiesigen ungarn und sachsen (juden usw.) zulasten letzterer zugeschanzt hat.

      das problem ensteht immer dann, wenn eine der gruppen die anderen von der oeffentlichen teilhabe ausschliesst und in unterordnungsverhältnis zu sich selbst bringt (in 7bgens geschichte chronologisch die feudalherren die leibeigenen, die katholiken die nichtkatholiken, die ungarn die rumaenen und deutschen, die rumaenen die ungarn und deutschen, die selbsternannten anführer der proletarier die von ihnen willkuerlich definierten und zum quaelen/toeten freigegebenen klassenfeinde). im falle des nationalismus funktionierte die argumentation des ausschlusses so, dass man der anderen gruppe den falschen vorwurf macht, fremd zu sein (im gegensatz zur eigenen, selbstdefinierten einheimischen gruppe. das taten im 19. und fruehen 20. jh. ‘die ungarn’ und ab 1918 bis heute ‘die rumaenen’).

      der als “fremd” so stigmatisierten einheimischen gruppe bleibt dann nur die wahl 1. aufzubegehren, oder 2. sein fremdenstigma samt auschluss von der oeffentlichen teilhabe zu akzeptieren und schliesslich in massen das land zu verlassen (die sb.-sachsen), oder 3. sich an die exklusiv-einheimische nationale gruppe zu assimilieren. als natuerliche gegenreaktion gegen diese drei nicht haltbaren alternativen tritt bei den ausgeschlossenen und diskriminierten gruppen die abwehrreaktion auf, man selbst bleiben zu wollen und nicht assimiliert zu werden (z.b. bei den sachsen – frueher seitens der ungarischen nation, im nationalkommunismus seitens der rumaenischen).

      ueberlegenheitskomplex und/oder herrenmenschdenken ist auch eine (krankhafte) (abwehr)reaktion gegenueber (nicht minder krankhafter) realer assimilations- und enteignungspolitik seitens der mehrheitsnation. so kurzzeitig geschehen in der zwischenkriegszeit bei den sb.-sachsen; ebenso bei den sb. ungarn nach 1918 (davor ebenfalls, jedoch aus der position der dominierenden nation).

      ich glaube man muß diese (und jede) komplexe sozio-pathologische gemengelage persönlich miterlebt und erlitten(!!!) haben, um sie von innen her zu verstehen und die akzente präzise setzen zu können. der blick von aussen hilft, den groesseren kontext sehen, ihm fehlt es aber gezwungenermassen an detailschaerfe, weil das erlebnismoment fehlt, ebenso wie die sozialisierungen in jener gesellschaft, was grundvoraussetzung ist fuer eine intime innensicht der dinge…

      wichtiger als die diagnose jeder krankheit ist aber schliesslich die genesung. so stellt sich die frage: wie kommen wir mit siebenbuergen aus diesem ziemlichen schlamassel heraus?

  3. Armin says:

    Das hieße dann wohl, sie verstünden sich als Fremde. Nach Jahrhunderten nicht zugehörig … Wer dächte so? Mir ist noch keiner begegnet.

  4. Alexander Eickhoff says:

    Nicht als Fremde sondern als die eigentlichen Herren, noch uebler……….

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