“Die neuen Zigeunerkoenige” / “The New Gipsy Kings”. Eine Abenteuerreise durch die Welt der Manele-Musik

Ich und das Astra Film Fest – Io si Astra Film Fest

BBC hat einen rumaenischen Reporter losgeschickt, um die mysterioese Welt der Roma-gepraegten manele-Musikszene zu erkunden. Herausgekommen ist nicht so sehr ein waschechter Dokumentarfilm, sondern eher ein lange TV-Reportage, die aber definitiv sehenswert ist. Nicht nur, weil sie seltene Einblicke in diese halbseidene, krachbunt glitzernde und kitschtriefende, uns kulturbedingt eher unzugaengliche Welt eroeffnet, sondern auch, weil sie den Vorvaetern der manele, den “lautari” die gebuehrende Aufmerksamkeit widmet.

Was sind manele (fuer die Nicht-Initiierten)? Tuerkisch-orientalisch inspirierte und klingende Musikstuecke ueber Liebe, Tod und Teufel, ueber Geld (bani), Gauner und Freunde. Und noch mehr ueber Feinde (dusmani). Feinde, die einem ans Geld und/oder and die Frau/Familie wollen. Gangsta-Rap mit Bauchtanz quasi. Waehrend den Musikern ihr Talent nicht abgestritten werden kann – Florin Salam hat schon Auftritte mit dem Grandsegnieur der Balkan-Weltmusik absolviert (Goran Bregovic) – bleiben die Inhalte und Ausdrucksformen gerne im sehr ueberschaubaren Bereich. Denn bani reimt am besten auf dusmani! Paarreim ist angesagt.

Die Industie hinter der Musik: Schrill. Was denn sonst? Die Figuren pittoresk, grell, teilweise gewalttaetig, teilweise stolze Ex- oder Nochverbrecher. Sie sind die Foerderer, Zuhoerer, Besitzer, Agenten, Organisatoren von Hochzeitsgesellschaften, Konzertsaelen, Musiksendern usw., wo die Stars und Sternchen auftreten und die weiblichen Gaeste zur Musik Haende hoch den Unterleib kreisen lassen. Und sie bewegen dabei quasi nebenbei Riesensummen. Videoclips der Besten unter den Besten kommen auf zig Millionen Youtube-Klicks. Zig Millionen! Auf Topstars wie Florin Salam,  Adrian Copilul Minune, Nicolae Guta & Co. regnen (buchstaeblich) Abertausende Euro herunter waehrend ihrer Auftritte – bevorzugt im Milieu der neureichen “schlauen Jungs” (smecheri) mit dunklem Teint, weissen Hemden, Goldkettchen und verspiegelten Markensonnenbrillen. Ja, sie haben Stil. Selbstbewusstsein auch. Und dicke Autos. Und weibliche Gesellschaft mit sehr runden Kurven sowieso.

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Uebrigens: Die Entsprechung der manele heisst in Bulgarien Chalga, im suedslawischen Raum Turbo-Folk. (Ich weiss, ich weiss: nichts Neues fuer Eingeweihte!) Der vibe ist aehnlich. Und weil der Balkan trotz eifersuechtiger Grenzziehungen ein entgrenzter Raum von kulturellen Uebergaengen und gegenseitigen Anleihen ist, schwappen Turbofolk, Chalga und Manele munter von Land zu Land, bis hinein in die Auswanderergemeinschaften in Westeuropa. Kann mich diesbezueglich noch bestens an eine nette, exotische Begebenheit erinnern: Auf einer Entdeckungsreise duch Albanien im Fruehjahr 2013 fuhr uns ein junger Kerl mit seinem Breitreifen-BMW ueber Holperpisten in eine entlegenes Gebirgsstaedchen. Einer seiner Lieblingsmusiker, den er uns im Auto vorspielte: Guta. 4211 Klicks hab ich auf YT damit schon geerntet!

Stellt euch nur vor: Haette ich mit obigem 1-Minuten-Video nur 10 Cent pro Klick verdient, haette ich prompt eine neue Reise machen koennen – und noch mehr manele aus Albanien posten koennen usw. und so fort. Ich waere heute in reicher Mann mit Goldkettchen, BMW und Freundin auf dem Nebensitz. Vielleicht sollte ich mal den manele-Starmanager Dan Bursuc um Rat fragen, wie man das professionell macht.

PS: Was die BBC-Reportage leider verfehlt, weil das Format keine Zeit dafuer uebrig liess, oder auch nicht den Blick dafuer oeffnen konnte: dem Zusachuer die paar Sekunden Extra-Zeit vor dem naechsten schnellen Schnitt zu goennen. Man wuerde dabei Wandgemaelde von Florin Salam in Florin Salams Prunkpalast sehen koennen, eine Ehefraue, die dem manele-VIP Adrian Copilul Minune vor der Abfahrt zum Konzert devot und auf Knien die Socken anzieht, Hochzeitskutscher mit Cobwboyhut, die sich in reinster Marlboro-Mann-Manier eine Zigarette anzuenden. Und so weiter.
Wer am Thema Untergang des Abendlandes schaurig-suessen Gefallen findet, dem empfehle ich diesen Film. Er findet in New Gipsy Kings vor laufender Kamera statt. Und es ist irgendwie lustig.

 

Posted by at 23/10/2016
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2 Responses to “Die neuen Zigeunerkoenige” / “The New Gipsy Kings”. Eine Abenteuerreise durch die Welt der Manele-Musik

  1. helmut-1 says:

    “BBC hat einen rumaenischen Reporter losgeschickt, um die mysterioese Welt der Roma-gepraegten manele-Musikszene zu erkunden.”

    Wahrscheinlich hat man da einen Blinden erwischt, der die Farben erklären soll.
    Klar ist, dass mit Manele ein Haufen Geld gemacht wird, – aber wo: Bei den Rumänen? Dort am wenigsten. In erster Linie bei den Romas. Der kultivierte Rumäne hat einen anderen Begriff von Musik.

    Überhaupt, – hier den Namen der”Gipsy Kings” zu mißbrauchen, das ist schon ein starkes Stück. Die Gipsy Kings sind in Südfrankreich zuhause, das sind spanische Gitanos, die zur Gruppe der Sinti gehören. Oftmals werden die Begriffe verzerrt, und man bezeichnet sie als Roma, oder als Kale-Nachkommen.

    Sinti haben ihre eigene Zigeunermusik, das ist ein eigener Stil, das ist Qualität. Bei den Gipsy Kings als spanisch-orientiert schwingen da viele Flamenco-Elemente mit, bei den deutschen Sintis natürlich weniger. Aber die Rhythmen sind sehr ähnlich.

    Deutsche Sintis haben eine Tradition, die auf Generationen zurückblickt. Egal, ob das die Reinhardt-Gruppe war (Django Reinhardt, Schnuckenack Reinhardt, etc.), oder Titi Winterstein, usw. Astreine Musik. Obwohl hier keine Sintiwurzeln bekannt sind, verkörpert doch die belgische Band Vaya Con Dios mit dem Song “Nah Neh Nah” diesen typischen Musikstil, mit der rauchigen Zigeunerstimme und dem durch die Gitarre vorgegebenen identitären Rhythmus.

    Alles Qualitätsmerkmale, die sich himmelweit von dem unterscheiden, was da bei Manele vorgetragen wird.

    Was der goldige Reporter von BBC nicht gesagt, nicht bemerkt oder einfach negiert hat, ist die klare Diskrepanz zwischen Rumänen und Roma. Nach wie vor existiert hier eine weit verbreitete Ablehnung von Seiten der Nicht-Roma, die sich durch alle Lebensbereiche zieht. Darin sehe ich einen der Hauptgründe für die Etablierung dieser Manele-Szene, weil die Roma dann unter sich sind, und damit kundtun, dass sie mit ihrer eigenen Anschauung von Musik auch ihre eigene Welt haben.

    Ganz abgesehen von der Tatsache, dass diese Klänge und auch die Texte bei Manele sehr einfach gestrickt sind, genauso wie die Melodienfolgen, sofern man überhaupt von Melodien sprechen kann. Jeder Musiker mit halbwegs fundierten qualitativen Ansprüchen distanziert sich davon.

    Warum das dann mit so einem enormen Einkommen verknüpft ist? Auch das ist einfach zu erklären. Die Clanchefs der Roma haben grosses Interesse daran, ihre Volksgruppe an der Stange zu halten, Manele ist eines der Hilfsmittel dafür. Buzescu (https://www.youtube.com/watch?v=GHTBPhQcXCY) und all die anderen Hochburgen könnten nicht existieren, wenn nicht ein knallhartes Pyramidensystem dahinterstehen würde, das den “armen Anführern” der Zigeuner ein “schlichtes” Leben beschert.

    Nur deshalb, weil in dieser Volksgruppe alle hörig zu den Chefs aufsehen, funktioniert das Geldbeschaffungssystem über die straffe Organisation von den rumänischen Dörfern bis Duisburg und Frankfurt, wo dann über die Roma-Anwälte die Anzapferei des deutschen Sozialsystems erfolgt. Und von diesen Prozenten, die an die Chefs gehen, leben diese halt so vor sich hin, – die Masse machts eben.

    Wissen natürlich die meisten Einhemischen nicht, weder in RO, noch in D oder A, sonst würden sie der Roma-Mutti mit dem Kind auf dem Arm einen Tritt geben, anstatt was in den Teller zu werfen.

    Auch ich bin Musiker, wir werden im Winter 2017 den schon fast vergessenen traditionellen Musikantenball in Mediasch wieder ins Leben rufen. Dazu werden alle Musiker aus dem Umkreis eingeladen, viele haben schon zugesagt. Jeder weiß, dass hier jede Form von Musik vorgetragen wird. Aber jeder der Musiker fragte besorgt, ob auch Manele dabei vorkommt, – und jeder war beruhigt, dass das sicher nicht der Fall sein wird. Warum wohl?

  2. Arici Pogonici says:

    Das Rumänen keine Manele hören würden kann ich aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Nicht einmal, daß es einen verschwindend geringe Menge sei die dies tun oder daß sich das Phänomen auf bestimmte soziale Schichten beschränken würde.

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